1959 geboren, aufgewachsen in Wien. Matura in Tirol, Studium der Germanistik und Geschichte in Salzburg, dann wieder Wien. Lebt und schreibt in Wien und im Waldviertel.
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Auf Instagram unter andre.aheinisch.
Wegweiser:
- Menschen sind doch das Wertvollste, das man gewinnen kann. (Sigmund Freud C.G. Jung: Briefwechsel)
- "Ich bin ein Chronist meiner Zeit" - Ödön von Horvath
- "Künstler zu sein bedeutete in seinen Augen, sich zu unterwerfen. Sich rätselhaften, unvorhersehbaren Botschaften zu unterwerfen, die man in Ermangelung eines besseren Begriffs und ohne jeden religiösen Glauben als Intuitionen bezeichnen müsse, Botschaften, die sich dem Künstler trotzdem auf kategorische Weise aufdrängen, ohne ihm die geringste Möglichkeit lassen, sich ihnen zu entziehen - außer wenn er auf jegliche Form von Integrität und Selbstachtung verzichtete." (Michel Houellebecq, Karte und Gebiet)
Textbeispiele
Hof kommt von Hoffnung (in Text und Kritik, November 2025)
Der Hof häuft sich vor uns auf: ein Gehöft, wie es in dieser Gegend üblich ist. Sechs Gebäude, Wohnhaus, Scheunen, Ställe, Speicher, Backofen. Rundherum lebhaftes Grün und Gewässer mit Schluckauf, wie geschaffen für Forellen. „So war das früher“, sagst du. Mit einer Hand hast du sie gefangen! Wir reden über Selbstversorgung. Obst, Gemüse, Hühner. Bienen. Unabhängigkeit! Wir sagen „Ja!“, und das ganz laut. Die Bauern, wenn sie uns hören, lachen über uns, aber leise, und nur, wenn sie unter sich sind. Wir müssen gut auf sie aufpassen, damit sie uns nicht auch noch die letzten alten Höfe abreißen. „Die gehören weggeschoben“, sagen sie, weil sie es endlich auch einmal modern haben wollen.
Noch bleibt genug Hoffnung, wenn auch nicht für alle. Genau genommen nur für ziemlich wenige, glücklich, wer sich zu ihnen zählen kann. Pech, wer da oben am Himmel in Flugzeugen sitzen und nach Dubai oder Bali fliegen muss. Oder gar bleiben muss, wo er grad ist. Hoffnung auch auf einen Teich. Mit Karpfen, klar, das ist hier so üblich, und auf den Bach, der ihn speist. Rundherum Gras, hochstehend, bis der Bauer mit seinem Mähwerk kommt. Die Senkgrube: voll, bis der Bauer mit seinem Güllewagen kommt. Der Himmel: weit, bis von Allentsteig oben die Detonationsgeräusche kommen. Hoffnung auf die Zitterpappel, in den Topf der Schusterpalme hineingeweht ist sie gewachsen, bis du sie herausgezogen und zum Bachgehölz dazugesetzt hast. Fast weiß ist ihr Stamm, wie ein Friedensangebot steht sie da. Schlotternd, wir hören ihre Angst schon beim kleinsten Lüftchen. Hoffnung, dass der Rasenmähtraktor anspringt, dass die Jungpflanzen den Spätfrost überleben, dass uns das Hochwasser nicht erwischt. „Das hat’s früher nur alle hundert Jahre einmal gegeben“, sagst du. „Nur, dass du jetzt in einem anderen Jahrhundert lebst“, sage ich. Du nickst, kommst mir traurig vor.
In der Wiese liegen die Eicheln, dicht wie ein Teppich, im letzten Herbststurm hat es die Eiche aus dem Boden gerissen. Quer über den Hof ist sie gefallen. Jetzt, wo wieder Frühling ist, keimen die Eicheln. „Was natürlich wieder Hoffnung macht“, sagst du, weil du den Hof liebst. Du fährst zum Obi und kaufst alles, was du zum Renovieren brauchst. „Die Inflation ist ein Wahnsinn“, sagst du, als du zurückkommst. Der Hof bricht sein Schweigen, als du in sein Gebälk steigst, dafür schweigst von jetzt an du. Ich füttere die Hühner, sammle die ersten, noch ziemlich kleinen Eier ein, ich horche in den Wind und schneide mir, als ich nichts höre, ein paar Vergissmeinnicht ab. „Hof kommt von Hoffnung“, rufe ich zu dir hinauf, aber du antwortest nicht, musst dich konzentrieren, bist zu beschäftigt, hast jetzt keine Zeit für so was. Und morgen geht’s weiter. Und übermorgen und überübermorgen auch, die Hoffnung stirbt zuletzt. – Aber nur, wenn wir nicht schon vorher sterben, denke ich in einem unbedachten Moment. Die Bauern aber schließen neuerdings ganz ungeniert Wetten ab, wie lange wir noch durchhalten.
70 leere Köpfe rauchen (in etcetera 99, September 2025)
Ein Luftballon fliegt, zwei Kinder sind zuhause geblieben. Drei Häuser stehen noch, vier sind schon eingestürzt. Fünf Träume zerplatzen pro Tag, heißt es. Sechs Kinder spielen Verstecken. Sieben suchen, finden aber nichts. Acht Mal Achtung geschrien und doch wurde gestorben. So kann’s geh’n. So geht’s. Neun Männer zogen in den Krieg und keiner kam zurück. Zehn Mal jeden Finger einzeln gezählt und dabei geweint, war doch jeder Finger ein Geschick.
11 Mal ist Schluss, der Himmel hat sich viel zu stark verdunkelt. Die Sicht ist schlecht. 12 Apostel stehen am Straßenrand, aber keiner nimmt sie mit, es sind Zeiten wie diese. 13 Freitage und immer noch kein Glück. 14 Tage Sonnenschein, da steigt die Luft bis Pommerland. 15 Gänse mit Marschbefehl Richtung Küche. 16 Köche rufen: Fressen oder Gefressen-Werden! 17 Jahr, graues Haar. Über Nacht ist das gekommen. Vom Schock. 18 blöde Lieder gesungen und endlich besser gefühlt. 19 Mal schunkeln. Schwer betrunken. 20 Wirtsstuben sind voll. Gefahren und gelaufen.
21 Kinder suchen ihre Väter, die Mütter haben sie geschickt. 22 Luftballons geht die Luft aus. Nummer 23 zischt wie verrückt durch die Gegend, will einfach nicht aufgeben. Man korrigiert sich: 24 Träume pro Tag zerplatzen, jede Stunde einer. 25 Taler für deine Gedanken. 26 wären sie wert gewesen. 27 Nächte in Schützengraben, dann war alles vorbei, nur der Krieg nicht. 28 Tage in Schluchten und Gängen und Höhlen, 29 unter Drohnen, 30 in Feindes Hand.
31 Waldbrände und das Jahr ist noch lang nicht um. 32 Jahre war der eine, 33 der andere. 34 Namen in Stein graviert. Noch von damals. 35 Dörfer schweigen, als es wieder losgeht. 36 Tote, Verletzte werden heute keine mehr gezählt. 37 innere Blutungen und keine wird gestillt. 38 Krankenschwestern schütteln bedauernd den Kopf. 39 Mal hat es nicht geregnet, aber nach 40 Tagen kam ein Wolkenbruch über uns, der sich gewaschen hatte.
41 Kinder traten ohne Eltern zur Erholung an. 42 ist Antwort auf alles. 43 schweigt. 44 ist ein Leben lang vorbei. 45 Kaliber oder Karat, mir ist alles recht. 46 Flausen im Kopf, 47 Ampeln stehen auf Rot, ich hab’s ja gleich gesagt. 48 Sünder müssen Abbitte oder Wehrdienst leisten. 49 haben das schon längst hinter sich. Und war es wirklich so schlimm? 50 ist die Hälfte vom Leben, wenn es voll wird.
51 Handys werden samt ihren seltenen Erden verschrottet. 52 Leute schauen einfach zu. 53 Relikte werden eines Tages gefunden werden, darunter auch Fischhaut, wegen der Gleichgültigkeit. 54 Bomben ergeben einen Bombenhagel. 55 Leben sind 55 Rechenbeispiele. 56 Handys läuten und keiner nimmt das Gespräch an. 57 Sünder sitzen im Beichtstuhl, sie haben ihren Text vergessen. 58 ist die Lage, sprach der Grundwehrdiener zum Lageristen. 59 ist mir eins zu wenig, sagt die gierige 60 und lässt es weiterläuten.
61 Halbschuhtouristen statten dem Unheil einen Besuch ab. 62 Versuchsballone starten durch. Vor Rührung. 63 Kinder haben Angst, aber so schöne Augen. 64 Mal brennt es. 65 – steht alles in Flammen. 66 – liegt alles in Schutt und Asche. Die Asche schwelt 67 Jahre lang und dann beginnt alles von vorn. 68 Mal mindestens hab‘ ich‘s schon gesagt: Sowas wie Halbwertszeit gibt es nicht. 69 Feuerwerke entzünden sich wie von selbst. Nur das letzte nicht. 70 leere Köpfe rauchen.
71 Baumrinden wird ein Herz eingeritzt. 72 Herzen zittern. 73 Pflanzen verschwinden für immer aus unserem Gesichtsfeld. 74 Ackerbauern werden eingezogen, weil Herbst ist. 75 lassen sie zurück. 76 Herzen schlagen zu, 77 Herzen haben einen Fehler, 78 Herzen tun keinen einzigen Schritt mehr, 79 Herzen werden nicht mehr liebkost, 80 Herzen lieben nicht mehr.
81 Herzen leben nicht mehr und das ist erst der Anfang. 82 Mal wird von einer steigenden Tendenz gesprochen, 83 Mal von Hoffnung, 84 Mal von allen Möglichkeiten, 85 Mal von Hybris. 86 Kinder suchen ihre Eltern. 87 Eltern suchen ihre Kinder. 88 Wanderer finden gute Gaben, die ihnen aber nicht zustehen. 89 Mal steht es geschrieben: Zuteilung nicht bewilligt. 90 Mal wird geknurrt, sonst nichts.
91 Schüsse und jeder Schuss ein Treffer. 92 Brände in Lummerland, schon wieder. 93 Träume platzen, 94 Häuser stürzen ein, 95 Träume platzen, 96 Tote, 97 Träume platzen. 98 Nächte lang schlafen wir gerecht, 99 Mal gibt’s noch eine Chance, doch das Hundert wird nicht voll.